* 17 *
»Und?«, fragte Marcia kühl. »Willst du mich nicht hereinbitten?«
In panischer Angst drehte sich Septimus um und blickte zu Marcellus. »Aber mit Vergnügen, Madam Marcia«, antwortete der Alchimist für ihn und machte eine seiner altmodischen Verbeugungen. »Bitte treten Sie näher.« Marcia rauschte herein, und hätte er nicht rechtzeitig einen Schritt zur Seite gemacht, wäre sie auf seine nassen Schuhe getreten.
»Zu«, befahl sie der Tür, die der Aufforderung mit einem so lauten Knall nachkam, dass die Wände des alten Hauses zitterten. Aber Marcellus zitterte nicht. In seiner eigenen Zeit hatte er häufig mit zänkischen Außergewöhnlichen Zauberern zu tun gehabt. Daher wusste er, dass es ratsam war, stets kühlen Kopf zu bewahren und immer höflich zu bleiben, ganz gleich wie sehr man provoziert wurde. Und als er Marcia jetzt in ihrem triefenden lila Wintermantel in der Diele stehen sah, dampfend und mit funkelndem Zorn in den grünen Augen, da schwante ihm, dass er jede Menge Provokationen zu erwarten hatte.
Die Unsicherheit, die er in dieser fremden Zeit empfand, war mit einem Mal wie weggeblasen. Manche Dinge im Leben waren zeitlos, und eine Außergewöhnliche Zauberin gehörte dazu. Sich fast wie zu Hause fühlend, sagte Marcellus: »Wie aufmerksam, dass Sie mich mit Ihrem Besuch beehren. Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?«
»Nein«, fuhr ihn Marcia an, »Sie dürfen nicht.«
»Oh«, murmelte Marcellus und dachte bei sich, dass diese Nuss wohl nicht so leicht zu knacken war.
Marcia wandte sich an Septimus, und ihr Blick erinnerte an den einer hungrigen Schlange, der zur Abendessenszeit eine kleine Wühlmaus über den Weg lief. »Septimus«, sagte sie frostig, »willst du mich nicht deinem ... Freund vorstellen?«
Septimus wollte nur fort von hier, egal wohin. Selbst eine Wolverinengrube im Wald wäre ihm in diesem Augenblick lieber gewesen. »Äh«, quäkte er.
»Nun?« Marcia klopfte ungeduldig mit ihrem rechten Fuß, der in einem spitzen lila Pythonschuh mit neuen grünen Knöpfen steckte.
Septimus holte tief Luft. »Marcia, das ist Marcellus Pye. Marcellus, das ist Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin.«
»Vielen Dank, Septimus«, sagte Marcia. »Genau wie ich mir dachte. Mr. Pye, mein Lehrling wird Sie künftig nicht mehr belästigen. Er wird nicht wiederkommen, und ich entschuldige mich für die Ungelegenheiten, die er Ihnen in den letzten Monaten bereitet hat. Komm, Septimus.« Sie wandte sich zum Gehen, doch Marcellus war vor ihr an der Tür und versperrte ihr den Weg.
»Mein alter und hochgeschätzter Lehrling hat mich in keiner Weise belästigt«, sagte er. »Es war sehr freundlich von Ihnen, dass Sie ihn mir von Zeit zu Zeit ausgeliehen haben. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.«
»Ausgeliehen!«, platzte Marcia heraus. »Septimus ist kein Buch aus der Leihbücherei. Ich habe nicht vergessen, dass Sie ihn sechs lange Monate ausgeliehen haben, wie Sie es zu nennen belieben, und dass Sie ihn in tiefste Seelenqualen gestürzt haben. Warum er Sie überhaupt noch sehen will, ist mir schleierhaft. Aber ich werde nicht länger zulassen, dass Sie ihm mit Ihrem Alchimistenschnickschnack den Kopf verdrehen. Guten Tag. Auf!« Das letzte Wort war an die Tür gerichtet. Sie flog auf und quetschte Marcellus fast an die Wand. Marcia stapfte hinaus in Wind und Regen, und Septimus, Jenna und Beetle folgten ihr widerwillig.
Septimus winkte Marcellus verstohlen, bevor Marcia »Zu!« brüllte und die Tür so fest zuschlug, dass die Fensterscheiben des alten Hauses klirrten. Ein Donner grollte in der Ferne, als Marcia alle drei schalt: »Beetle, ich muss mich über dich wundern. Hoffen wir in deinem Interesse, dass Miss Djinn nichts von deiner Verbrüderung mit einem Alchimisten erfährt – noch dazu mit so einem! Und Jenna, ich dachte, du hättest deine Lektion gelernt und würdest dich von diesem Mann fernhalten. Du meine Güte, er ist Etheldreddas Sohn! Komm, Septimus, ich habe ein paar Dinge mit dir zu bereden.«
Jenna und Beetle blickten Septimus mitfühlend nach, als Marcia ihn durch die Schlangengasse trieb, die zur Zaubererallee führte.
Beetle hätte Jenna beinahe gefragt, ob er sie zum Palasttor begleiten könne, doch zu seinem Verdruss brachte er nicht den Mut dazu auf. Jenna winkte ihm kurz zu und lief dann an der Schlangenhelling entlang in Richtung Palast, und er selbst machte sich im Schneckentempo auf den weiten Weg zurück ins Manuskriptorium, wo ihn möglicherweise schon Jillie Djinn erwartete – eine Aussicht, von der er nicht sonderlich begeistert war.
Marcia und Septimus bogen gerade in die Zaubererallee ein, als plötzlich eine Regenbö vom Fluss heraufbrauste und durch die breite Straße fuhr. Sie zogen ihre Umhänge enger, bis sie eingewickelt waren wie zwei zornige Kokons. Beide sprachen kein Wort.
Sie hatten die Hälfte der Allee zurückgelegt, da sagte der grüne Kokon unvermittelt: »Ich finde, Sie waren sehr grob.«
»Wie bitte?« Marcia traute ihren Ohren nicht.
»Ich finde, Sie waren sehr grob zu Marcellus«, wiederholte Septimus.
»Dieser Mann«, fauchte Marcia und suchte mühsam nach Worten, »hat nichts anderes verdient.«
»Er war zu Ihnen sehr höflich.«
»Ha! Höflich ist etwas anderes. Ich finde es jedenfalls nicht höflich, meinen Lehrling zu entführen und in Gefahr zu bringen. Ganz zu schweigen davon, was er nun wieder im Schilde führt – meinem Lehrling alle möglichen verrückten und gefährlichen Ideen in den Kopf setzen, und das hinter meinem Rücken!«
»Er hat keine verrückten oder gefährlichen Ideen«, widersprach Septimus. »Außerdem dachte er, ich hätte Ihnen von ihm erzählt.«
»Aber warum hast du es nicht getan?«, fragte Marcia. »Seit Monaten lässt du mich in dem Glauben, du würdest deine Mutter besuchen. Kein Wunder, dass sie mich immer so verwundert ansieht, wenn ich sie frage, ob sie sich nicht freue, dich so oft bei sich zu haben – sie kommt mir schon die ganze Zeit so kurz angebunden vor. Wäre ich heute Morgen nicht bei Terry Tarsal gewesen, hätte ich nie davon erfahren. Und da wir schon dabei sind, würde ich gern wissen, wie es kommt, dass Marcellus Pye wieder so jung aussieht. Und wieso wohnt er jetzt im Haus des armen alten Weasal?«
»Es hat früher Marcellus gehört«, antwortete Septimus, ohne auf die erste Frage einzugehen. »Er hat dort gewohnt, in seiner Zeit. Das habe ich Ihnen doch schon erzählt. Und von wegen der arme alte Weasal. Letztes Jahr sagten Sie noch, er könne froh sein, dass er nicht zusammen mit seiner Haushälterin in die Verbannung geschickt worden ist.«
»Allerdings«, sagte Marcia.
Im Bemühen, Marcia von der Frage nach Marcellus’ jugendlichem Aussehen abzubringen, sprach Septimus schnell weiter. »Als Weasal nach Port zog, kaufte Marcellus das Haus mit ein paar Goldsteinen, die er unter dem Schlamm in der Schlangenhelling versteckt hatte, zurück.«
»Tatsächlich? Wie es scheint, hat Marcellus alles unter Dach und Fach gebracht, was? Aber der springende Punkt ist, dass ich hinter meinem Lehrling herrennen muss, um herauszufinden, was er wirklich treibt. Das gehört sich nicht!«
»Ich weiß«, murmelte Septimus, »und es tut mir auch leid. Ich ... ich wollte es Ihnen ja sagen. Ich wollte es die ganze Zeit, aber ich wusste, dass Sie sich aufregen würden, und so habe ich es gelassen. Das erschien mir einfacher.«
»Ich rege mich nur auf«, sagte Marcia, »weil ich dich vor Schaden bewahren will. Aber wie soll ich das tun, wenn du nicht aufrichtig zu mir bist?«
»Marcellus tut mir nichts«, erwiderte Septimus widerspenstig.
»In dem Punkt sind wir unterschiedlicher Ansicht«, sagte Marcia.
»Wenn Sie doch nur mal mit ihm sprechen würden. Ich weiß, dann würden Sie ...«
»Außerdem hätte ich gern noch eine Antwort auf meine Frage.«
Septimus versuchte, Zeit zu schinden. »Welche Frage?«
»Ich würde gern wissen, wie es kommt, dass Marcellus Pye so jung aussieht. Der Mann ist über fünfhundert Jahre alt. Und versuche mir jetzt nicht weiszumachen, er habe sich bloß vor der Sonne geschützt – so wirksame Gesichtscreme gibt es nicht.«
»Das war mein Teil der Abmachung«, sagte Septimus kleinlaut.
»Welcher Abmachung?«, fragte Marcia argwöhnisch.
»Der Abmachung, die ich mit ihm traf, um in meine Zeit zurückzukommen. Ich erklärte mich bereit, ihm den richtigen Trank zu brauen, der ewige Jugend verleiht. Da war eine bestimmte Planeten-Konstellation, und ...«
»Papperlapapp!«, stieß Marcia hervor. »Du glaubst diesen lächerlichen Unsinn doch nicht etwa, Septimus?«
»Doch«, erwiderte er leise. »Und am Tag danach kehrte ich in meine Zeit zurück und braute den Trank.«
Marcia war gekränkt. Sie erinnerte sich, wie glücklich sie gewesen war, Septimus wiederzuhaben, und wie sie ihn den ganzen Tag in seinem Zimmer hatte schlafen lassen, da sie annahm, er sei sehr erschöpft. Und dabei hatte er in dieser Zeit für diesen abscheulichen Alchimisten – seinen Entführer! – heimlich einen Trank gebraut. Es war nicht zu fassen. »Warum hast du denn nicht mit mir gesprochen?«, fragte sie.
»Weil Sie gesagt hätten, es sei lächerlich – so wie eben. Vielleicht hätten Sie sogar versucht, mich davon abzuhalten. Und ich konnte nicht zulassen, dass Marcellus so unglücklich blieb. Es war schrecklich. Ich musste ihm helfen.«
»Also hast du ihm kurzerhand einen Trank gebraut, der ewige Jugend verleiht, so mir nichts, dir nichts?«, fragte Marcia verwundert.
»Es war nicht besonders schwierig. Die Planeten standen günstig ...« Marcia verkniff sich eine Bemerkung. »Und ich brauchte nur die Anweisungen zu befolgen, die Marcellus in der Medizintruhe hinterlassen hatte. Ich stellte den Trank in den goldenen Kasten, den er in die Truhe gelegt hatte, und versenkte ihn an der Schlangenhelling im Burggraben, damit er ihn holen konnte. Früher ging er nachts gern im Burggraben spazieren.«
»Im Burggraben?«
»Ja, richtig unter Wasser. Er ist am Grund entlangspaziert. Das half gegen seine Wehwehchen und Zipperlein. Einmal habe ich ihn sogar dabei beobachtet. Das sah vielleicht merkwürdig aus.«
»Er ging unter Wasser spazieren?« Marcia sah aus wie ein Fisch, der gerade aus dem Burggraben gezogen worden war. Regen lief ihr übers Gesicht, und ihr Mund stand offen, wie um nach Luft zu schnappen.
Septimus erzählte weiter. »Er holte sich den Trank, und ich wusste, dass er ihn hatte, weil er mir im Austausch dafür den Flug-Charm hinlegte. Ich fischte ihn heraus, aber ich brauchte Wochen, um ihn zu finden. Im Burggraben liegt schrecklich viel Müll.«
Marcia erinnerte sich an seine plötzliche Begeisterung fürs Angeln. Jetzt ergab alles einen Sinn – na ja, fast alles. »Wie kam er denn an den Flug-Charm?«
»Er hatte ihn mir weggenommen. Aber später versprach er, ihn zurückzugeben. Obwohl er gar nicht wusste, dass er ihn hatte.«
»Wie bitte? «
»Es ist ein bisschen kompliziert. Ah, Marcia ...«
»Ja?« Marcia klang etwas ermattet.
»Kann ich den Flug-Charm jetzt wiederhaben? Bitte. Ich werde auch nicht mehr damit herumspielen, das verspreche ich.«
Marcias Antwort fiel so aus, wie er befürchtet hatte. »Nein.«
Meisterin und Lehrling legten die restlichen Meter zum Zaubererturm schweigend zurück, doch als sie den Hof überquerten, rutschte Marcia in ihren Pythonschuhen mit den neuen grünen Knöpfen in einem Drachenfladen aus. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. »Septimus«, bellte sie, »der Drache muss auf der Stelle verschwinden. Ich dulde keine Sekunde länger, dass er den Hof verschmutzt.«
»Aber...«
»Kein Aber. Ich habe bereits alles Nötige veranlasst. Er kommt auf den großen Acker neben dem Palast. Dort wird sich Mr. Pot um ihn kümmern.«
»Billy Pot? Aber ...«
»Ich sagte, kein Aber. Mr. Pot hat viel Erfahrung mit Echsen, und ich bin überzeugt, dass er blendend mit ihm zurechtkommen wird, denn letztlich ist dieser Drache doch nichts anderes als eine riesige ungezogene Eidechse. Der Regen verzieht sich. Du kannst ihn gleich hinüberbringen, bevor der nächste kommt.«
»Aber Feuerspei schläft noch«, protestierte Septimus. »Sie wissen doch, was passiert, wenn ich ihn wecke.«
Marcia wusste es – neulich erst hatte sie in alle Fenster im Erdgeschoss des Zaubererturms neue Scheiben einsetzen lassen müssen –, doch es war ihr gleich. »Keine Ausflüchte, Septimus. Du bringst ihn zu Mr. Pot. Anschließend kommst du umgehend wieder hierher und machst dich an deine erste Projektion. Es wird höchste Zeit, dass du dich wieder der Magie widmest und dir diesen Alchimistenmumpitz aus dem Kopf schlägst, ein für alle Mal. Ab sofort beschäftigst du dich nur noch mit Magie, von morgens bis abends, denn in den nächsten zwei Wochen setzt du keinen Fuß mehr vor den Zaubererturm.«
»Zwei Wochen!«, rief Septimus empört.
»Eventuell sogar vier«, drohte Marcia. »Das hängt ganz davon ab, wie du dich führst. Ich erwarte dich in einer Stunde zurück.« Damit ließ sie ihn stehen, schritt über den Hof und trippelte die Marmortreppe hinauf. Die silberne Tür des Zaubererturms schwang auf, und der Turm verschluckte sie.
Ausnahmsweise einmal wachte Feuerspei auf, ohne Schwierigkeiten zu machen. Er ließ Septimus anstandslos auf seinen Rücken klettern und seinen gewohnten Platz in der Kuhle hinter dem Drachenhals einnehmen, und er verzichtete sogar darauf, zu schnauben und mit dem Schwanz zu schlagen, was er sich neuerdings angewöhnt hatte, wenn Septimus aufstieg. Heute war er lammfromm, wenn man einmal davon absah, dass er einen glühend heißen Luftstoß auf den Mantel des zufällig vorbeikommenden Catchpole abfeuerte, mit der Folge, dass die Luft nach verbrannter Wolle und altem Toast stank.
Da die Zauberer heute zum letzten Mal die Gelegenheit bekamen, einen Start des Drachen aus nächster Nähe zu beobachten, beschloss Septimus, ihnen eine gute Vorstellung zu bieten. Auf sein Kommando »Hoch, Feuerspei!« begann der Drache, langsam und kraftvoll mit den Flügeln zu schlagen, sodass starke Abwinde über den Hof fegten. Es war ein perfekter Start. Septimus lenkte Feuerspei so nahe an den Turm heran wie nur möglich, und langsam stiegen sie höher. Stockwerk um Stockwerk zog an ihnen vorüber. Fenster wurden aufgerissen, blau gewandete Zauberer lehnten sich heraus und klatschten aufgeregt Beifall. Als sie den zwanzigsten Stock erreichten, öffnete sich ein großes Fenster, doch diesmal erhielt Septimus keinen dankbaren Applaus.
»Fünfzig Minuten!«, brüllte Marcia und knallte das Fenster wieder zu. Vor lauter Schreck drehte Feuerspei vom Turm weg, doch Septimus brachte ihn wieder auf Kurs. Sie umkreisten einmal die Spitze der goldenen Pyramide, weil das angeblich Glück brachte, und flogen dann weiter. Das Gewitter hatte sich verzogen. Von Port her klarte der Himmel auf, und die Sonne brach durch die Wolken. Tief unter ihnen glänzten regennasse Dächer, und aus den Pfützen auf den Straßen strahlte gleißendes Licht. Nachdem Septimus sechs Monate lang regelmäßig mit dem Drachen geflogen war und davor drei Monate lang Flugstunden bei Alther Mella genommen hatte, war er ein sicherer Flieger. Und da dieser Flug für eine ganze Weile sein letzter bleiben sollte, wollte er ihn voll auskosten und beschloss, die längere Route zum Palast zu nehmen.
Er flog mit Feuerspei über das Nordtor hinaus und dann über die Anwanden, den Teil der Burg, der ihm am besten gefiel, wieder zurück. Verzückt über den Anblick der vielen Menschen, die am Boden ihrem Tagwerk nachgingen, spähte er nach unten und ließ Feuerspei selbst die Richtung wählen. Er sah Leute, die nach dem Unwetter draußen Wäsche aufhängten, ihre Dachgärten wieder in Ordnung brachten oder den Regenbogen bestaunten, der soeben über den Ackerlanden erschienen war. Beim Rauschen der Flügel weit über ihnen hielten sie inne und winkten – oder machten nur große Augen. Kinder, die aus stickigen Stuben geschickt worden waren, um in der Sonne zu spielen, rannten die offenen Fußwege der Anwanden entlang. Septimus hörte, wie sie mit aufgeregten Stimmen »Drache! Drache!« riefen. Doch Marcias Worte klangen ihm noch in den Ohren, und da er nicht viel Zeit zu vertrödeln hatte, lenkte er Feuerspei widerstrebend in Richtung Palast. Bald, allzu bald näherten sie sich Billy Pots Gemüseacker.
Septimus fand, dass er eine gute Landung hinlegte, doch Billy Pot war anderer Ansicht.
»Vorsicht! Gebt doch auf den Kopfsalat acht!«, schrie Billy, als Feuerspei die Flügel einklappte und den Schwanz auf die Salatsetzlinge plumpsen ließ.
Septimus rutschte vom Rücken des Drachens herunter. »Ich habe Feuerspei gebracht«, sagte er überflüssigerweise.
»Das sehe ich«, erwiderte Billy.
Billy Pot sah zu, wie Septimus dem Drachen den Hals tätschelte und mit der Hand über die glatten Schuppen strich, die vom Flug noch ganz kalt waren. Nach ein oder zwei Minuten fragte er: »Und? Willst du uns nicht miteinander bekannt machen?«
»Doch«, antwortete Septimus, der seinen Drachen nur ungern hier zurückließ.
»Drachen legen nämlich großen Wert auf gute Umgangsformen. Sie möchten vorgestellt werden, wie es sich gehört.«
»Tatsächlich?«, fragte Septimus überrascht. »Na schön. Feuerspei, darf ich dir Billy Pot vorstellen? Und Billy, das ist Feuerspei, der beste Drache der Welt. Das bist du doch, Feuerspei, nicht wahr?« Septimus tätschelte dem Drachen zärtlich die samtige Nase.
Feuerspei beugte den Kopf und schnaubte eine Heißluftwolke aus, die das Kraut einiger Karotten in der Nähe versengte. Billy trat näher. Er blickte in Feuerspeis linkes, rot gerändertes Drachenauge und sagte: »Es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Feuerspei.«
Feuerspei legte den Kopf auf die Seite und sann über Billy Pots Worte nach. Dann senkte er noch einmal den Kopf und rieb seine Nase an Billys grobem Tweedmantel. Billy verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings in ein Petersilienbeet. Doch im Nu war er wieder auf den Beinen und tätschelte, nachdem er sich die schmutzigen Hände an seiner Kordjacke abgewischt hatte, Feuerspei den Hals.
»Nun«, sagte er, »ich habe das Gefühl, dass wir gute Freunde werden.«